Medellín: So ist die ehemals gefährlichste Stadt heute

Drogenkriminalität, Morde und Entführungen – Medellín hat einen schlechten Ruf. Der Hype um die Netflix-Serie «Narcos» verstärkt das negative Bild der zweitgrössten Stadt Kolumbiens im Ausland. Was viele nicht wissen: Medellín hat in Bildung und Sicherheit investiert und sich seit den 90ern zum Positiven verändert. Eine Reise durch die Stadt im Wandel.

«Ich nenne ihn einfach Mister E», sagt Caro. Die Rede ist von Pablo Escobar, dem berühmtesten Drogenbaron der Welt. Caro möchte seinen Namen in der Öffentlichkeit nicht nennen. Die meisten Kolumbianer verstünden kein Englisch, würden immer nur seinen Namen hören und könnten meinen, dass Caro den Drogenboss glorifiziert. Den Mann, der von Medellín aus sein Kartell geführt und Mitschuld am Drogenkrieg hatte. Schuld daran war, dass in den 80er und 90er Jahren Mord hier an der Tagesordnung stand und Medellín als gefährlichste Stadt der Welt galt. Die Menschen hier wollen das Stigma Escobar aber endlich hinter sich lassen. Caro redet offen über Mister E. Sie, als freiwilliger City-Guide möchte nichts beschönigen. «Der Hype um die Netflix-Serie Narcos passt uns hier überhaupt nicht», Nicht nur der kolumbianische Akzent des Schauspielers aus Brasilien sei fürchterlich, auch die Tatsache, dass Medellín in den Medien wieder von neuem mit dem Drogenkrieg in Verbindung gebracht würde.

 

«Dabei hat sich Medellín in den letzten 20 Jahren sehr positiv verändert», erklärt Caro. Und genau diese Veränderung zeigt sie uns neben dem Platz «Parque de las Luces». Sie verweist auf ein rotes Backsteingebäude. Auf dem Schild neben der Eingangstür steht Ministry of Education. «Als ich noch ein Kind war, war das Gebäude eine Bruchbude: Es hatte keine Fenster, Prostituierte warteten auf Freier und in der ganzen Stadt war bekannt, dass hier mit Drogen gedealt wurde.» Das Bildungsministerium sei eines von vielen Beispielen für den Wandel der Stadt. Die schlimmsten Plätze in Medellín wurden gezielt ausgesucht, um daraus etwas Positives zu machen.

Das Edificio Vásquez ist heute ein Kulturzentrum

Weiter geht es zu El Hueco, das Loch. Diese Area mitten in der Altstadt von Medellín ist bei Touristen und Einheimischen gleichermassen beliebt. Denn nirgends in der Stadt finden Kaufwillige günstiger Schuhe, Kleidung und Möbel als hier. Feilschen gehört zum guten Ton. Und das kann anscheinend in Kolumbien niemand so gut wie die Paisas. Paisas, so werden die Bewohner des Bundesstaates Antioquia genannt, deren Hauptstadt Medellín ist. Doch auch hier, im grössten Gewusel wird Höflichkeit gross geschrieben. Vor einem Café finden wir ein Schild, worauf übersetzt steht: «Ein Kaffee = 2000 Pesos, Ein Kaffee bitte = 1500 Pesos, Guten Tag, ein Kaffee bitte = 1200 Pesos.»

Im San Antonio Park werden wir aber gleich wieder mit Kolumbiens trauriger Vergangenheit konfrontiert. Hier stehen die zerfetzten Reste einer bronzenen Vogel-Statue des heimischen Künstlers Botero. 1995 wurde durch ein Sprengstoff-Attentat nicht nur die Figur zerstört. 23 Menschen, die an einem Openair-Konzert feierten, verloren durch die Bombe ihr Leben. Botero bestand darauf, die Statue genauso zu lassen: Als Zeichen für den Drogenkrieg und die Opfer nannte er den Vogel Pajaro herido, verwundeter Vogel. Kurz darauf schenkte Botero der Stadt eine weitere Figur, den Vogel des Friedens.

Die nächste Statue, die von Simon Bolivar, findet sich mitten im gleichnamigen Parque Bolivar. Bolivar der Unabhängigkeitskämpfer und Nationalheld Kolumbiens. In jeder noch so kleinen Stadt des Landes findet sich eine Plaza oder ein Parque Bolivar mit Denkmal. «Kein Einheimischer gibt gerne zu, hier seine Freizeit verbracht zu haben.» Der Parque Bolivar sei ein Platz mit zweifelhaftem Ruf. Caro zeigt auf ein kleines Haus am Rande des Parks: «Hier ist eine Polizeistation», sie schwenkt mit dem Finger auf die gegenüberliegende Seite, «und hier, das weiss jeder, dealen Süchtige ganz offen mit Crack.» Ausgestreckt neben einer Bank, liegt ein Mann mittleren Alters, regungslos. «Medellín und Kolumbien machen erhebliche Fortschritte, aber trotzdem gibt es hier noch viel zu tun.»

Und doch ist Caro, wie die meisten Paisas, stolz auf ihre Hauptstadt Medellín. 20 bis 30 Prozent seiner Ausgaben investiert die Stadt in soziale und kulturelle Projekte. Die Stadt beherbergt unter anderem sechs Universitäten. Und die Metro ist einzigartig in Kolumbien. «Menschen werfen ihren Müll immer wieder auf die Strassen, aber in der Metro lässt niemand etwas liegen, niemand kritzelt Wände und Scheiben voll». Für die Einheimischen ist die Metro heilig.

Bei der Metrostation San Antonio verabschiedet sich Caro. Caro mit den roten Haaren, der hellen Haut und den unzähligen Sommersprossen. Sie, die wir alle zuerst für eine Gringa, eine Ausländerin, hielten. «Ich bin 100% Kolumbianerin», hatte sie lachend geantwortet, «Ich habe schon in Bogota, an der Karibikküste und sogar für kurze Zeit in den USA gelebt. Aber ich bin Vollblutkolumbianerin.»

Auf Caros Empfehlung nehmen wir die Metro in den Nordosten der Stadt. Bei Acevedo steigen wir in die Seilbahn um. Sie verbindet das Armenviertel Santo Domingo, das sich mit den Jahren immer höher den Hügel hinauf entwickelt hat, mit dem Tal. Die Fahrt zeigt den Ausblick über Ziegelhäuser und Blechdächer, spielende Kinder und bunte Wäscheleinen. Am Ende der Seilbahn stehen drei riesige Bauwerke: Die Biblioteca España. Zurzeit ist sie in ein Schutznetz gehüllt, da schwerwiegende architektonische Fehler festgestellt worden waren. Dennoch ist die Bibliothek im Armenviertel ein Wahrzeichen und ein Symbol für einen gelungenen Neuanfang von Medellín geworden.

Ein weiteres Zeichen für den positiven Wandel ist die Comuna 13. Dieser Stadtteil war vom Drogenkrieg der 80er Jahre besonders betroffen. Nicht zuletzt weil es direkt an der wichtigsten Transportroute für Drogenschmuggel liegt. Deswegen tobte zu dieser Zeit zwischen der Guerilla, der Armee, den Paramilitärs und Banden ein Krieg um die Kontrolle der Comuna 13 und machte sie zum gefährlichsten Viertel der Stadt.

Heute aber schlendern Touristen auf eigene Faust durch die Comuna 13, schiessen Fotos von den vielen Graffitis und fahren mit der Freiluft-Rolltreppe 384 Meter in die Höhe um das Viertel mit den bunt bemalten Hütten von oben herab zu betrachten. Die Rolltreppe wurde im Dezember 2011 eröffnet und erleichtert vor allem älteren Bewohnern den Aufstieg zu ihren Wohnsitzen.

Doch der Friede in der Comuna 13 forderte seine Opfer. 2002 griff der damalige Präsident Kolumbiens Alvaro Uribe hart durch und ordnete die grösste, städtische Militäroperation in der Geschichte des Landes an: die Operación Orión. Während vier Tagen durchkämmten die Armee und Paramilitärs die Gassen, unterstützt von Hubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen. Ziel: Die Guerilleros aus der Comuna 13 zu vertreiben. Die 300 Soldaten erlangten zwar den Sieg über die Guerilleros aber bis heute weiss niemand, wie viele Menschen in den Tagen der Operation getötet und vertrieben wurden.

Trotz der blutigen Geschichte sind die Kolumbianer ein fröhliches und herzliches Volk. Auf unserer Reise stiessen wir ausschliesslich auf grosses Interesse uns gegenüber. «Wir freuen uns hier über jeden Touristen», sagt unser Uber-Fahrer Sergio, «denn sie sind ein Zeichen für den positiven Wandel in unserem Land.» Vor der Tür eines traditionellen Restaurants steigen wir aus, nicht aber ohne vorher noch von Sergio zu sich nach Hause eingeladen zu werden.

 

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