Über Land und Meer

Wie Spanien seine Grenzen zu Afrika schützt

Spanien erlebt derzeit die grösste Migrationswelle seit zehn Jahren. Migranten erreichen das Land vor allem über das Mittelmeer. Aber auch die Massenanstürme auf die Grenzzäune der spanischen Exklaven haben zugenommen. Ein Besuch bei den Grenzwächtern von Ceuta und der Seenotrettung an der Strasse von Gibraltar.

 

Es ist das Resultat der EU-Blockade: Die Fluchtroute über Libyen nach Italien wurde unterbrochen. Das ist jener Weg, auf dem die meisten Migranten nach Europa gelangen. Seitdem versuchen immer mehr Menschen die westliche Route über Marokko nach Spanien.

Zwar ist die Zahl der ankommenden Migranten in Italien immer noch deutlich höher als jene in Spanien. Doch seit Juli verzeichnet Italien einen Rückgang der Ankünfte, während sie sich in Spanien 2017 verdreifachten.

Spanische Medien führen die gestiegene Zahl auch auf die Proteste der marokkanischen Rif-Region zurück. Beamte, die sonst an der marokkanischen Küste tätig seien, würden deshalb von dort abgezogen und im Norden des Landes eingesetzt. Dies habe zu einer nachlässigen Kontrolle an der Küste geführt, bestätigte eine Vertreterin der spanischen Flüchtlingskommission gegenüber der Zeitung «El País». Zudem flöhen viele Marokkaner vor ebendieser Repression.

 

Top 5 Herkunftsländer der angekommenen Migranten in Spanien 2017

 

Ceuta und Melilla: die Festungen auf dem afrikanischen Kontinent

Es versuchen nicht nur mehr Migranten über das Mittelmeer Spanien zu erreichen. Derweil haben auch die Massenanstürme auf die Grenzzäune um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla zugenommen, wie der Verantwortliche des Roten Kreuzes in Ceuta, Clement Núñez, bestätigt.

Die beiden spanischen Exklaven sind die einzigen Landgrenzen, die Europa mit Afrika hat. Wenn Migranten es nach Ceuta schaffen, sind sie damit auf EU-Territorium. Doch den doppelten Grenzzaun zu überwinden, ist alles andere als einfach. Er ist acht Kilometer lang, sechs Meter hoch und oben mit Stacheldraht versehen. Für zusätzlichen Schutz sorgen normale Kameras, wie auch Wärmebildkameras, Bewegungssensoren, Helikopter und Patrouillen auf beiden Seiten der Grenze.

Damit sie sich nicht am Stacheldraht verletzten, umwickelten Migranten ihre Arme mit Stoff. Dazu trügen sie Schuhe mit Haken, um den Zaun hochzuklettern, erzählt der Sprecher der Guardia Civil in Ceuta, Alfonso Cruzada. Doch die Migranten versuchen es nicht nur über den Zaun. Einige kämen auch der Küste entlang in Booten und Jetski, würden versuchen, mit gefälschten Pässen den einzigen Grenzübergang zu passieren, oder versteckten sich in doppelten Böden oder Motorräumen von Autos und Lastwagen.

Doch die wenigsten Migranten, die es nach Ceuta schaffen, beantragen hier Asyl. Die meisten hoffen darauf, aufgrund von Platzmangel im Erstaufnahmezentrum (CETI), nach wenigen Monaten aufs spanische Festland gebracht zu werden.

Tarifa, die am südlichsten gelegene Stadt des europäischen Festlands

Nirgendwo sonst ist Afrika Europa näher als in Tarifa. Das andalusische Städtchen ist ein Ort der Gegensätze. Denn Tarifa ist ein Paradies für Kite- und Windsurfer. Unzählige hippe Restaurants, kleine Boutiquen und Surfshops prägen hier das Stadtbild. Bei Wind zieht es die Sportler in Scharen aufs Meer hinaus. Doch diese Wetterbedingungen können für Migranten, die versuchen, in Booten die Strasse von Gibraltar zu überqueren, lebensgefährlich sein. Sie machen die andere Realität von Tarifa aus.

Die Seenotrettung Salvamento Maritimo in Tarifa fährt täglich aufs Meer hinaus, um Migranten aus den Wellen und der gefährlichen Strömung der Strasse von Gibraltar zu retten. Und trotzdem bekommen die Einheimischen und vor allem die Touristen hier kaum etwas von der gestiegenen Anzahl Migranten mit. Denn die Seenotrettung bringt die Geretteten in einen abgesperrten Teil des Hafens. Von hier aus werden sie in Bussen der Guardia Civil zur Feststellung von Identität und Herkunft in deren Hauptquartier gebracht und dann für einen Gesundheitscheck zum Roten Kreuz. Anschliessend werden sie direkt in dezentrale Flüchtlingsunterkünfte transportiert.

Wer aus Marokko oder einem Land wie Senegal kommt, mit dem der spanische Staat ein Rückübernahmeabkommen hat, wird sofort in sein Heimatland abgeschoben. Die meisten Migranten wollen aber weiter in andere Länder Europas wie Deutschland oder Frankreich. Denn in Spanien sind die Chancen auf eine Aufnahme gering. Nur 3,4 Prozent aller Asylanträge wurden im letzten Jahr gutgeheissen.

 

Diplomarbeit im Rahmen der Ausbildung am «Maz – Die Journalistenschule» von Michelle Feer

Dieser Video-Beitrag erschien auf nzz.ch